Margit Hartnagel, Isny 2016

Margit Hartnagel

"Space Between"

Nichts erläutert uns besser den malerisch-philosophischen Prozess der Bild-Welt-Entstehung als der folgende Satz Margit Hartnagels:

"Am Anfang ist das Bild leer, leer ist es am Ende. Dazwischen habe ich gemalt.“ (Margit Hartnagel 2014)

Ähnlich ergeht es den Betrachtern der wohl kalkulierten Bildräume von Margit Hartnagel. Ihre gehauchten Bildkörper pulsieren am Übergang von Licht und Dunkel, von Tiefe und Nähe. Eine Welt, in der Leere und Fülle, Materielles und Immaterielles zugleich präsent sind. Nicht erst seit der Farbfeldmalerei eines Marc Rothko ist die Entgrenzung des Raums ein Thema der Kunst. Schon die gleichsam im Dunst verschwimmende Bildwelt des Caspar David Friedrich wurde so wahrgenommen. Sein „Mönch am Meer“ steht vor einer schier unendlichen Weite. Nichts gibt halt.

Dennoch stürzen uns die Bilder Margit Hartnagels nicht in eine aussichtslose Melancholie. Ihre Bildwelt antwortet auf die wesentlichen Fragen der Welt mit einer durchaus heiter-angemessenen Nachdenklichkeit und verrät damit eine gelassene Befindlichkeit, die sagt, „ich bin schon ein Stück weit des Weges gegangen, den ich erahne und zugleich weiter gehen will“. Die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach nannte diese kluge und sinnliche Gelassenheit die vielleicht anmutigste Form des Selbstbewusstseins. Es ist höchst reizvoll, diesem Weg zu folgen und wer die suggestive Kraft der großen gehauchten Tafelfelder spürt, mag gar nicht ohne sie mehr leben.

Martin Oswald (geb. 1960) ist Professor für Kunst. Zeichner, Kurator, Autor, Kabarettist.

Margit Hartnagel

1970 geboren in Ravensburg (D)
1995–2000

Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste, Wien bei Prof. Hollegha, K. Hikade, F. Graf, Prof. Prachensky

1998-2001 Studium Experimentelles Gestalten und Raumkunst, Universität für Angewandte Kunst bei Prof. Kowanz
2000 Atelierstipendium im Kulturzentrum Nairs, Schweiz (Engadin)
Studienaufenthalt in Japan
   

Ausstellungen

2017

"Space Between", Kreissparkasse Ravensburg (Einzelausstellung)
"LUMEN", Margit Hartnagel/ Doris Marten, LOFT + St. Gumbertus in Ansbach

2016 "Alles ist nirgendwo", Villa Claudia, Feldkirch (Einzelausstellung)
2015

"kunstzeit 24", Raum der Stille, Universität Linz
"4 Räume – 4 Künstlerinnen", KUBA, Wasserburg
"Schwarzmarkt", Galerie Lachenmann, Konstanz
"Baenzinger, Hartnagel, Roth-Studach", Galerie Kapfsteig, Zürich
"Gelassen wirkt das Unergründliche", Städt. Galerie in Isny

2014

"Kunst Oberschwaben 1970 bis heute", Schloss Achberg
"Stille Gegebenheiten", (Einzelausstellung),
Stiftung BC-pro arte, Biberach

2013 „Wa – aus der Welt der Stille“, Shiwory Gallery, Okayama, Japan
2012

"Japan – Fragilität des Daseins", Museum Leopold, Wien
"Montag ist erst übermorgen", Sammlung Kupferstichkabinett,
"X hibit", Akademie Wien
"MA - raum dazwischen", Galerie Artmark, Wien
"last vienna paintings", Stuckgasse 11, Wien
"vier positionen", Kunstverein Steyr, Schloss Lamberg

2011 "ON – positionen der stille", Galerie in der Schmiede, Linz
2010

"Light Movements", (Einzelausstellung)
Remise/Galerie allerArt, Bludenz

2009

"2.Internationaler Adre-Evard-Kunstpreis"; Ausstellung der Nominierten; Messmer Foundation, Riegel

2008

"Geometric Figures", Galerie ArtMark, Wien
"Pieter Vermeersch/ Margit Hartnagel/ Justin Benett",CCNOA,Brüssel
"artoffice under construction", 2-teilige Wandarbeit (Moving In/ Moving Out), Verbund-Austrian-Power Grid AG,IZD Tower, Wien
"...darf es etwas weniger sein?", pp projects, Hamburg
"ArtmArt", Künstlerhaus, Wien

2007

"die Kunst des Liegens vor der Kunst", Designpfad 07; mit dem Designerduo Exner/Burzler, Atelier Stuckg. 11, Wien

2006

"THEAUSTRIANABSTRACTS", Arti et Amicitiae, Amsterdam
"Perspektiven 06", Galerie ArtMark, Wien

2005

"Margit Hartnagel/Barbara Höller", Galerie Wolfrum, Wien
"Vienna Transit", Kunsthalle Mintrop, Düsseldorf
"Offene Weite",grat/ Stuckg. 11, Wien

2004

 

2003

 

"Förderpreis 2004", Graf -Zeppelin- Haus, Friedrichshafen2003 "Te Huur-Raumforschung", Wien
"Margit Hartnagel", gugler forum melk, Pielach
"Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft", Joanneum,Graz
"Himmelfalden", Kunsthallen Brandts Klaedefabrik, Odense
"art position 2003", Wien
"Abstraction Now", Künstlerhaus Wien
"art position at Sotheby´s”, Wien
"danke für die illusionen", grat/ beckmanngasse 52, Wien
"Form ist Leere, Leere ist Form", Wittgensteinhaus, Wien

2002

"contemporary art feat. schwarz & weiß", Galerie Art & Weise, Wien
"continue.continue", grat/ beckmanng. 52, Wien

2001

"Hartnagel / Petschnig", Kanzlei Rothenbuchner, Wien
"private studio / open view", Studio Preysinggasse, Wien
"Female Sensibility", Galerie Charim, Salzburg
"quaterly", Sotheby's Wien
Kunstmesse Wien, Galerie Charim

2000

"ab/ an", Kupferstichkabinett, Wien
"Diplome 2002", Akademie der bildenden Künste, Wien
"Curraint d'ajer", Kulturzentrum Nairs, Scoul (Schweiz)

1999

“Würzl, Hardi, Hartnagel”, Galerie Tetrasoft, Bratislava
"Malzeit", Akademie der bildemden Künste, Wien

1998

"7 Nights Gallery", Galerie Station 3, Wien
"Da - Zwischen - Da", Galerie Kunsttreff Küniglberg, Wien

1997

"Jam", Semperdepot, Wien
"Hartnagel, Watzal, Buchegger", Akademie der bildenden Künste
"87 x 55 x 22", Projekt der Initiative Rhein – Ruhrkunst, Duisburg

1996 "Pulverschnee2; Salzburg 
   

Preise

2000 Meisterschulpreis
2004 Förderpreis der Stadt Friedrichshafen
   

Ankäufe

Stadt Wien 
Kupferstichkabinett, Wien
Museum Leopold (Privatsammlung), Wien
Sammlung Angerlehner, Thalheim bei Wels
Sammlung Urban, Waidhofen/ Ybbs
Sammlung Stiftung S BC-pro arte, Biberach
 

Kunst am Bau

Projekt 2017: Künstlerische Intervention für das Neue Gebäude des Instituts für soziale Berufe in Ravensburg
Neugestaltung eines Abschiedsraumes im Barbarfriedhof in Linz; 2016
Glasfenster für die Kirche St. Anna in Steyr; 2015
Glasfenster für die Kapelle der Benediktinerinnen im Liebhartstal, Wien; 2014

 

 

 

Mechtild Widrich:

„weißes, feines, fragiles gewebe, über den rahmen gespannt, körper mit außenfläche und einem dahinter“, so beschreibst du selbst deine Arbeiten. Um was geht es genau?

Margit Hartnagel: Es geht darum, zu „den Gegebenheiten zu kommen“ – so habe ich das formuliert. Der Ausgangspunkt, also die Bedingungen von Kunst sollen wahrgenommen und reflektiert werden. In meinem Fall das Medium Malerei. Zunächst muss das Material, also der Bildkörper, der Stoff oder Träger sowie die Farbe als Voraussetzung für ein Bild erkannt werden. Es ist diese Beobachtung, die ich in meine Arbeit einbeziehe, und nicht etwas, was ich mir ausdenke – sei es etwas Vergangenes oder etwas, das ich in die Zukunft projizieren möchte. Ich möchte das sichtbar machen, was ich in diesem Moment vor mir sehe und wie ich es in diesem Moment vor mir sehe. Ohne aber bei dem zu verbleiben, sondern vielmehr als Ausgangspunkt.
Mechtild Widrich: In deinen Arbeiten fällt eine Spannung auf, zwischen der schon angesprochenen Betonung des Materiellen – also eine gewisse Selbstreferentialität – und der Auflösung dieser Materialität. Das einzelne Bild scheint mit dem Umraum zu verschmelzen, weil es mit dem Blick nicht fixiert werden kann. Die rein optische Erfassung und Abgrenzung ist sehr schwierig. Das Immaterielle wie das Licht, aber auch das Raumgefühl, werden dadurch sehr präsent. 
Margit Hartnagel: Ja, es soll nicht die Wichtigkeit des einzelnen Bildes hervorgehoben werden, sondern ich versuche, alles in Bezug zu setzen. Es geht um Verhältnisse, zwischen Bild und Raum, Bild im Raum und Raum im Bild – darum arbeitet ich auch meistens seriell und es gibt viele ähnliche Bilder nebeneinander, die ich als Installation anordne.
Mechtild Widrich: Gibt es einen direkten Bezug zum Betrachter und dessen Wahrnehmung? 
Margit Hartnagel: Ich kann nicht vorgeben, was sichtbar wäre. Meine Arbeiten sind nur soweit ausformuliert, dass der Betrachter gefordert wird. Das Unscharfe hebt den Sehprozess selbst hervor. Im Moment des Betrachtens kommt es zu einer Erfahrung der Jetzt-Zeit, man muss in diesem Moment den Arbeiten etwas entgegen setzen, weil es keine Möglichkeit gibt, sich optisch an etwas festzuhalten. Jede/r muß für sich die Grenze selbst definieren, weil ich sie nicht vorgebe. Die Grenze ist für jeden woanders. 
Mechtild Widrich: Diese definiert sich über den Betrachter? 
Margit Hartnagel: Erst kürzlich habe ich jemandem meine schwarzen Arbeiten präsentiert. Er hat nur kurz hingeschaut und sich dann mit den Worten weggedreht „damit will ich mich nicht konfrontieren“. Ich fand das sehr überzeugend in dieser Eindeutigkeit. Es ist sicher eine Herausforderung, mit den leeren Flächen umzugehen und sich ihnen zu stellen.
Mechtild Widrich: Es gibt ja auch über den Titel keinen Anhaltspunkt. Zu meiner Verwunderung habe ich dann aber den sehr poetische Titel einer Serie aus dem Jahr 1999 entdeckt: „Nie erreicht der Berg den Himmel“. 
Margit Hartnagel: Hm. Ich schreibe immer parallel zu meinen Arbeiten, oft in Form von poetischen Fragmenten. Ich schreibe vor den Bildern. Manchmal verwende ich dann diese Begriffe, ich mache das aber ungern. Für mich selbst habe ich in letzter Zeit zur Unterscheidung der Werke Bezeichnungen verwendet, die sehr mathematisch abstrakt sind: BQ 1/26 wäre die Nummer eins aus der aus 26 Werken bestehenden Serie der brauen Quadrate etwa. Ich finde die mathematische Bezeichnung – abgesehen von „Ohne Titel“ – am angemessensten.
Mechtild Widrich: In früheren Arbeiten wird auch der Bezug zum Raum viel direkter ausgelotet.
Margit Hartnagel: Parallel zur Malerei habe ich räumliche Arbeiten gemacht. Ich habe große, durch Einölung transparente Papierschichten in Räume gehängt und eine Situation geschaffen, in der man herumgehen konnte und sich immer wieder hinter oder zwischen den Papierbahnen befunden hat. Diese haben die Bewegungen des Betrachters aufgenommen und es wurde das normale Empfinden eines Raumes, in dem alles stabil bleibt und man das einzige ist, was sich bewegt, umgedreht. Dadurch ist ein Zustand entstanden, der gleichzeitig grenzenlos und begrenzend war. Über die Erfahrung der Fragilität wird die Person aufgefordert, sich mit der momentanen Gegebenheit auseinanderzusetzen. Letztendlich ist das Vergängliche und Fragile ein Grenzzustand.  
Mechtild Widrich: Wie bist du dann wieder auf das Bild gekommen?
Margit Hartnagel: Dieser Schritt von der Malerei in den Raum interessiert mich nicht mehr, ich möchte vielmehr die Erfahrung, sich in einem Raum zu befinden wieder in das Medium der Malerei zurück bringen. Oft wird es als fortschrittlich betrachtet, von der Malerei endlich in den Raum zu kommen, für mich ist die Weiterentwicklung, die Malerei im Raum sowie die Übergänge und Abhängigkeiten sichtbar zu machen.
Mechtild Widrich: War dieser Schritt für dich schwierig?
Margit Hartnagel: Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen müsste, nicht vom Bild wegzugehen. Für mich war diese Frage sehr quälend und ich habe die Malerei permanent in Frage gestellt. Jetzt aber ist mir völlig klar, dass es diesen Zusammenhang mit dem Raum insoferne gibt, als ich die Erfahrung des Raumes in und mit der Malerei sichtbar mache – ohne Perspektive.
Mechtild Widrich: Inwiefern ist das Moment der Wiederholung bedeutsam?
Margit Hartnagel: Der Begriff der Zeit spielt sicherlich eine wesentliche Rolle. Die Wiederholung der Tätigkeit und die Langsamkeit des Malvorganges beim Auftragen der einzelnen Schichten, die auch ziemlich lange zum Trocknen brauchen, ist hervorgehoben. Dieses Tun wird zur Zeitlosigkeit. Jeden Tag eine Schicht, immer wieder und immer wieder. Es hat auch mit dem Aufstehen am Morgen und Schlafengehen am Abend zu tun. Immer wieder das selbe, und immer wieder ein anderes.
Mechtild Widrich: Also ein Gegenkonzept zum emotionalen Ausbruch?
Margit Hartnagel: In gewisser Weise entstehen die Bilder sehr beiläufig. Ich habe ja nichts zu malen im klassischen Sinn. Den Stress, nicht zu wissen, was ich malen soll, den figurative Maler oft haben, den kenne ich nicht. Ich versuche immer festzulegen, was ich festlegen kann. Seit fünf Jahren arbeite ich hauptsächlich mit den gleichen Formaten, 45x45x6 cm und 120x150x6 cm, und dem gleichen Material. Andererseits muss ich mich mit meinen Emotionen vor dem Bild auseinandersetzen, ich muss sie wegräumen, weil ich sie nicht im Bild verräumen kann. 
Mechtild Widrich: Du schreibst einmal, dass das Sehen erst beginnt, wenn der Blick zur Ruhe kommt. Das Sublime in seiner klassischen kunsthistorischen Bedeutung kommt mir bei deinen Arbeiten natürlich auch in den Sinn. Siehst du dich in einer Entwicklung, in der etwa Caspar David Friedrich und Barnett Newmann stehen?
Margit Hartnagel: Ich denke schon, dass ich in dieser Entwicklung stehe. Mich hat dieser Begriff immer wieder beschäftigt. Wenn ich an den „Mönch am Meer“ denke, dann hat dieses Bild doch noch viel von etwas, das in der Vorstellung passiert und dann sehr erzählerisch im Bild dargestellt wird. Bei den amerikanischen Abstrakten drückt sich zunehmend die Erfahrung selbst aus und das Bild wird autonom. 
Mechtild Widrich: Früher hast du meist mit den Nicht-Farben schwarz und weiß gearbeitet, in deiner neuesten Serie kommst du von weiß ausgehend zu sehr zarten Farbtönen, die wie ein Versuch wirken, das Licht des Raumes einzufangen.
Margit Hartnagel: In diesem Zusammenhang geht es wiederum sehr stark um den Sehprozess, darum, das Licht zu sehen (um zu sehen). Für mich sind diese neuen Arbeiten einerseits wieder näher am Gegenständlichen, weniger abstrakt als die schwarzen und weißen Bilder, andererseits ist die Leinwand sehr fein und die Farbe mit viel Flüssigkeit aufgetragen, so dass keine Struktur sichtbar wird. Dadurch wirken sie sehr immateriell und machen das eigentliche, das gesehen werden kann, sichtbar: das Licht selbst. 
Mechtild Widrich: In einer Benjaminschen „Ferne, so nahe sie auch sein mögen“?
Margit Hartnagel: Ja, da sind wir wieder bei dem Sublimen. Ich möchte das Konkrete und das Immaterielle gleichzeitig herstellen. Manchmal befürchte ich, dass ich genau daran scheitern werde. Meist wird das eine gegen das andere ausgespielt, mein Anliegen ist aber die Verbindung von beiden. Darum dreht sich meine Arbeit. Das empfinde ich als zeitgemäß.

 

 

Öffnungszeiten der Galerie

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